C/2026 A1 (MAPS) – Der Sonnenkreuzer, der nicht überlebte
- Andreas

- vor 4 Tagen
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Wochen voller Hoffnung, ein kurzes Aufflackern auf den SOHO-Bildern – und dann Stille. Komet MAPS hat das Perihel am 4. April nicht überlebt. Ein Rückblick auf ein Ereignis, das die Kometengemeinde monatelang in Atem gehalten hat.
Die Entdeckung: Früher als je zuvor
Am 13. Januar 2026 entdeckten vier Amateurastronomen – Alain Maury, Georges Attard, Daniel Parrott und Florian Signoret – mit einem 0,28-m-Schmidt-Teleskop am AMACS1-Observatorium nahe San Pedro de Atacama in Chile ein unscheinbares, unscharfes Objekt mit einem kleinen Schweif. Die Helligkeit lag bei etwa 17,8 mag, also weit jenseits der visuellen Wahrnehmung. Was die Entdeckung aber sofort besonders machte: Der Komet befand sich damals noch 2,06 AE von der Sonne entfernt – ein Rekord für einen Kreutz-Sonnenkreuzer. Zum Vergleich: Der legendäre Ikeya-Seki wurde 1965 erst einen Monat vor seinem Perihel gefunden. MAPS wurde 11,5 Wochen vorher entdeckt.
Eckdaten | Details |
Entdeckung | 13. Januar 2026 |
Entdecker | Maury, Attard, Parrott, Signoret |
Typ | Kreutz-Sonnenkreuzer |
Kerndurchmesser (JWST) | ~400 m |
Perihel | 4. April 2026, 14:22 UTC |
Periheldistanz | ~161.000 km (0,0057 AE) |
Erdnächste Annäherung | 6. April, 0,961 AE |
Schicksal | Zerstört im Perihel |
Was ist ein Kreutz-Sonnenkreuzer?
Die Kreutz-Gruppe ist eine Familie von Kometen, die auf den deutschen Astronomen Heinrich Kreutz zurückgeht. Die Idee dahinter: Sie alle sind vermutlich Fragmente eines gigantischen Urvorgängers, der vor Jahrtausenden in Sonnennähe zerbrach. Einer der Kandidaten für dieses Ursprungsobjekt ist ein Komet aus dem Jahr 371 v. Chr. Viele spätere Fragmente kehren auf extrem sonnennnahen Bahnen zurück und liefern regelmäßig faszinierende – oder enttäuschende – Schauspiele.
Die Umlaufzeit von MAPS beträgt geschätzte 1.700 bis 1.886 Jahre. Das bedeutet: Sein letzter Besuch im inneren Sonnensystem liegt in der Spätantike. Astronomen haben sogar einen möglichen Zusammenhang mit einem Tageslichtkometen aus dem Jahr 363 n. Chr. gefunden, der vom griechisch-römischen Historiker Ammianus Marcellinus dokumentiert wurde – das wäre dann eben jene letzte Sonnenwende dieses Objekts gewesen.

Wochen voller Spannung
Im März hellte MAPS kontinuierlich auf und wurde zeitweise zu einem Fernglasobjekt – allerdings tief im westlichen Dämmerlicht, mit einem Horizontabstand von weniger als 10°. Für Beobachter auf der Nordhalbkugel war er von Anfang an eine echte Herausforderung. Ich selbst habe einige Abende mit dem Fernglas versucht, ihn über dem westlichen Horizont zu erwischen – ohne Erfolg. Die Bedingungen in Brandenburg sind dafür schlicht zu ungünstig, der Dunst zu hartnäckig.
Besonders interessant: Das James Webb Space Telescope (JWST) beobachtete MAPS bereits im Februar mit dem Mid-Infrared Instrument (MIRI) und konnte den Kern auf einen Durchmesser von rund 400 Metern abschätzen – vergleichbar mit C/2011 W3 (Lovejoy), dem letzten wirklich hellen Kreutz-Kometen. Das weckte Hoffnungen.
Das Ende: SOHO sieht alles
Ab dem 2. April trat MAPS ins Blickfeld des LASCO-C3-Koronografen der SOHO-Raumsonde. Koronografen sind Instrumente, die das direkte Sonnenlicht abblenden, um die schwächere Korona und vorbeiziehende Objekte sichtbar zu machen – für Sonnenkreuzer sind sie oft das einzige Beobachtungsmittel in Perihelnähe. Die ersten Bilder zeigten MAPS deutlich heller als den ebenfalls enttäuschenden C/2024 S1 (ATLAS) – ein gutes Zeichen. Aber er blieb deutlich schwächer als Lovejoy es war.
Am 4. April um 14:22 UTC passierte MAPS seinen sonnennächsten Punkt in nur rund 161.000 Kilometern Abstand von der Sonnenoberfläche. Um 08:15 UTC zeigte CCOR-1 noch eine Helligkeit von etwa −0,6 mag – dann begann der Komet sich aufzulösen. Er tauchte auf der anderen Seite der Sonne nicht wieder auf. Das Perihel überlebte er nicht.
Warum zerbrechen Sonnenkreuzer?
Es sind zwei Mechanismen, die einen Kometen in Sonnennähe zerstören können. Erstens verdampft das Material des Kerns mit wachsender Intensität – der Körper wird kleiner und kleiner. Zweitens sind Kometenkerne keine perfekten Kugeln. Ihre unregelmäßige Form führt zu einer asymmetrischen Gasfreisetzung, was den Kern in Rotation versetzt. Wenn die Zentrifugalkraft die Eigengravitation übersteigt, reißt der Komet auseinander. Beide Effekte wirken in extremer Sonnennähe gleichzeitig – und bei einem Kern von nur 400 Metern Durchmesser reicht das offensichtlich nicht mehr aus, um die Passage zu überstehen.
Selbst der viel größere Lovejoy (C/2011 W3) zerbrach – allerdings erst kurz nach dem Perihel, was ihm noch erlaubte, einen spektakulären Schweif auszubilden. Für MAPS kam das Ende früher.
Kein Komet, aber trotzdem Wissenschaft
Auch wenn MAPS kein Ereignis für das bloße Auge wurde, ist sein kurzes Gastspiel für die Forschung wertvoll. Zum ersten Mal in der Geschichte der Kreutz-Gruppe haben wir direkte Kerngröße-Messungen eines Mitglieds – durch JWST. Mehr als 5.000 Kreutz-Kometen sind bekannt, von fast keinem kennen wir den Kern direkt. Die Bahndaten, die Helligkeitskurve, das Verhalten im Koronografen – das alles verfeinert unsere Modelle darüber, wie diese Familie von Kometen aufgebaut ist und woher sie kommt.
Und ja, es ist eine gewisse Ironie: Ein Objekt, das vor fast zwei Jahrtausenden das letzte Mal die innere Sonnensysteme passierte, kehrt zurück und zerbricht in wenigen Stunden am Koronografen einer Raumsonde – beobachtet von Tausenden Menschen weltweit auf Live-Streams. Das ist Kometenphysik, hautnah.
Clear Skies
Andreas



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