7 Milliarden Jahre im Hintergrund – Eine Zwerggalaxie hinter dem Virgo-Haufen
- Andreas

- vor 3 Tagen
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Manchmal sind es nicht die großen, hellen Objekte, die einen ins Staunen versetzen. Manchmal ist es ein winziger, diffuser Fleck am Rand des Bildes, den man erst beim zweiten oder dritten Hinsehen bemerkt. Und manchmal stellt sich heraus, dass dieser Fleck eine Geschichte erzählt, die fast so alt ist wie das halbe Universum.
M88, M91 und das Gewimmel dahinter
Im April 2026 habe ich eine Aufnahme von M88 und M91 gemacht – zwei prominente Spiralgalaxien im Virgo-Haufen, rund 20 bis 100 Millionen Lichtjahre entfernt. Aufgenommen mit 750 mm Brennweite auf einem APS-C-Chip, insgesamt etwa 5 Stunden Belichtungszeit. Das Feld ist dankbar: Der Virgo-Haufen ist das dichteste Galaxiengebiet am Nordhimmel, und hinter den großen Spiralen tummeln sich Dutzende kleinere Objekte.
Beim Annotieren des fertigen Bildes mit einem Plate-Solving-Tool fielen mir diverse PGC-Einträge auf – winzige Galaxien, die als kaum sichtbare Flecken im Hintergrund stehen. Eine davon: PGC 41692, ein unscheinbarer, leicht elongierter Blob rechts im Bildfeld, direkt neben der hübschen irregulären Galaxie IC 3476.
Bis hierhin nichts Ungewöhnliches. Im Virgo-Feld wimmelt es von solchen Einträgen. Also habe ich aus Neugier ein kleines Python-Skript laufen lassen, um die Entfernungen der annotierten Objekte zu berechnen. Und dann kam die Überraschung.

16 Milliarden Lichtjahre – kann das stimmen?
Das Skript spuckte für PGC 41692 eine Leuchtkraftentfernung von rund 16 Milliarden Lichtjahren aus. Ich habe dreimal hingeschaut. Sechzehn. Milliarden. Lichtjahre. Für einen diffusen Fleck, den ich mit einer handelsüblichen Kamera und einem Amateurteleskop eingefangen habe?

Die Zahl stammt aus dem Redshift-Wert z = 0,76698, den die astronomische Datenbank SIMBAD für dieses Objekt listet. Aber bevor wir uns in kosmologischen Zahlen verlieren, ein kurzer Einschub für alle, die mit dem Thema Redshift noch nicht vertraut sind.
Was ist eigentlich ein Redshift?
Redshift – auf Deutsch Rotverschiebung – beschreibt ein Phänomen, das direkt mit der Ausdehnung des Universums zusammenhängt. Das Licht einer weit entfernten Galaxie ist auf dem Weg zu uns „gestreckt" worden, weil sich der Raum zwischen uns und der Galaxie während der Reisezeit des Lichts ausgedehnt hat. Je weiter entfernt eine Galaxie ist, desto stärker ist ihr Licht in den roten Bereich des Spektrums verschoben.

Der Redshift-Wert z gibt an, um wie viel sich die Wellenlänge des Lichts vergrößert hat. Ein z von 0 bedeutet: keine Verschiebung, das Objekt ist quasi vor der Haustür. Ein z von 1 bedeutet: Die Wellenlänge hat sich verdoppelt, das Licht war sehr lange unterwegs. PGC 41692 hat z = 0,77 – das Universum war zum Zeitpunkt der Lichtemission nur etwa 57 % seiner heutigen Größe.
Aus dem Redshift lassen sich verschiedene Entfernungsmaße berechnen. Die wichtigsten für PGC 41692 (basierend auf der Planck-2018-Kosmologie):
Größe | Wert |
Lichtlaufzeit | 6,86 Milliarden Jahre |
Mitbewegte Entfernung | 2.775 Mpc (~9,05 Mrd. Lichtjahre) |
Leuchtkraftentfernung | 4.902 Mpc (~16 Mrd. Lichtjahre) |
Winkeldurchmesser-Entfernung | 1.570 Mpc (~5,1 Mrd. Lichtjahre) |
Winkelmaßstab | 7,61 kpc pro Bogensekunde |
Die Lichtlaufzeit ist dabei das intuitivste Maß: Das Licht von PGC 41692 war knapp 7 Milliarden Jahre unterwegs. Es startete, bevor unser Sonnensystem überhaupt existierte. Die Leuchtkraftentfernung von 16 Milliarden Lichtjahren hingegen ist ein rechnerisches Maß, das die Expansion des Universums mit einbezieht – sie beschreibt, wie hell ein Objekt erscheinen würde, wenn der Raum sich nicht ausdehnen würde. Eine große Zahl, aber kein realer „Abstand" im Alltagsverständnis.
Die SIMBAD-Daten: Was wissen wir wirklich?
Schauen wir uns an, was die professionellen Datenbanken über PGC 41692 sagen. In SIMBAD, der astronomischen Referenzdatenbank des Straßburger Datenzentrums (CDS), ist das Objekt als LEDA 41692 gelistet, klassifiziert als „Low Surface Brightness Galaxy" – also eine Galaxie mit niedriger Oberflächenhelligkeit. Der morphologische Typ ist dE(d:E), das steht für eine Zwergelliptische Galaxie.
Parameter | Wert |
Bezeichnung | LEDA 41692 |
Position (J2000) | RA 12h 33m 17.8s, Dec +13° 56' 06" |
Typ | Low Surface Brightness Galaxy, dE |
Redshift | z = 0,76698 (spektroskopisch) |
Radialgeschwindigkeit | 154.340 km/s |
Winkeldurchmesser | ~14" × 12,5" |
Helligkeit | B ~19 mag, i ~16,8 mag |
Die Quellenangabe für den Redshift ist 2009ApJS..182..543A – das ist das Paper zum siebten Data Release des Sloan Digital Sky Surveys (SDSS DR7) von Abazajian et al. (2009), erschienen im Astrophysical Journal Supplement Series. Der SDSS ist eine der größten systematischen Himmelsdurchmusterungen der Astronomiegeschichte und hat über 930.000 Galaxienspektren geliefert.
Moment mal – passt das zusammen?
Und hier beginnt die eigentliche Geschichte. Denn wenn man die Zahlen genauer betrachtet, ergibt sich ein Widerspruch.
Eine Zwerggalaxie (dE) bei z = 0,77 mit einer scheinbaren Helligkeit von i ≈ 16,8 mag hätte eine absolute Helligkeit, die viel zu groß für eine Zwerggalaxie wäre. Zwerggalaxien sind per Definition intrinsisch lichtschwach. Ein Objekt, das bei einer Leuchtkraftentfernung von fast 5.000 Megaparsec noch mit 16,8 mag im i-Band leuchtet, wäre heller als die leuchtkräftigsten Galaxien, die wir kennen. Das passt nicht zu einer dE-Klassifikation.
Dazu kommt ein weiterer Hinweis: SIMBAD listet PGC 41692 auch als „GiC" – Galaxy in Cluster – mit der Referenz IBM88. Das ist die Kurzform für Binggeli, Sandage & Tammann (1985), den Virgo Cluster Catalogue. Das Objekt wurde also ursprünglich als Mitglied des Virgo-Haufens katalogisiert, bei z ≈ 0,004, also rund 50–60 Millionen Lichtjahre entfernt.
Und das würde alles erklären: Eine lichtschwache Zwerggalaxie im Virgo-Haufen bei 50 Mio. Lichtjahren Entfernung, mit niedriger Oberflächenhelligkeit und kleinem Winkeldurchmesser – das ist physikalisch völlig konsistent.
Woher kommt dann der hohe Redshift?
Der SDSS nimmt Spektren mit Glasfasern auf, die einen Durchmesser von 3 Bogensekunden auf dem Himmel haben. Bei einem Objekt, das selbst nur 14 Bogensekunden groß ist, im dichtesten Galaxienfeld des Nordhimmels, ist die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass die Faser nicht nur das Zielobjekt einfängt, sondern auch Licht einer weit entfernten Hintergrundquelle – ein Quasar, eine kompakte ferne Galaxie, ein AGN, der zufällig in der gleichen Sichtlinie steht.
Es ist also gut möglich, dass der spektroskopische Redshift z = 0,77 gar nicht zu PGC 41692 gehört, sondern zu einem Hintergrundobjekt, das durch oder neben der Zwerggalaxie hindurchscheint. In professionellen Datenbanken wie SIMBAD werden solche Daten aus verschiedenen Quellen kompiliert, und Verwechslungen oder fehlerhafte Zuordnungen kommen vor – besonders in dichten Himmelsfeldern wie dem Virgo-Cluster.
Was wir daraus lernen können
Diese kleine Detektivgeschichte zeigt etwas, das ich an der Astronomie besonders schätze: Man kann nicht einfach eine Zahl aus einer Datenbank nehmen und sie unkritisch übernehmen. Selbst bei professionellen Quellen wie SIMBAD und dem SDSS lohnt es sich, die Daten zu hinterfragen. Passen Morphologie, Helligkeit und Redshift zusammen? Gibt es widersprüchliche Katalogeinträge? Woher stammt der Messwert genau?
Wer es selbst überprüfen möchte: Im SDSS SkyServer (https://skyserver.sdss.org) kann man die Koordinaten von PGC 41692 eingeben und sich das tatsächliche Spektrum anschauen. Zeigt es breite Emissionslinien oder ein AGN-typisches Kontinuum, wäre das ein starkes Indiz dafür, dass der Redshift zu einem Hintergrundobjekt gehört und nicht zur Zwerggalaxie selbst.
Und unabhängig davon, ob PGC 41692 nun 50 Millionen oder 7 Milliarden Lichtjahre entfernt ist – allein die Tatsache, dass ein winziger, diffuser Fleck auf einem Amateurbild solche Fragen aufwerfen kann, ist für mich das Faszinierende an diesem Hobby. Manchmal beginnt die spannendste Reise erst nach dem Stacken, wenn man anfängt, die Pixel zu befragen.
Clear Skies
Andreas



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